Für die Jugend dieser Welt!

Jahresleitgedanke 2012



Die folgende Reflektion wurde im Rahmen einer Mitarbeitersitzung (Don Bosco Mensa) von Ulla Fricke gehalten.

 

Jedes Jahr verfasst der Generalobere der Salesianer Don Boscos, Don Pasqual Chaves, eine zentrale Botschaft, die als Einladung zur Reflektion unter einem bestimmten Gesichtspunkt zu verstehen ist. In diesem Jahr ist dieser Leitsatz, oder Strenna wie schon Don Bosco selbst sie nannte, von besonderer Bedeutung. Denn 2012 ist das erste Jahr der Vorbereitungszeit auf 2015 hin- auf das 200jährge Jubiläum Don Boscos.

 

In einem Brief hat der GO die Mitglieder der DB Familie dazu aufgerufen, diese drei Jahre der Vorbereitung zu nutzen, um Don Bosco besser kennenzulernen. Das erste Jahr steht für das Leben Don Boscos, seine biografischen Daten und Stationen und die Einordnung in den historischen Kontext.


Kein sehr kreativer Ansatz für ein Ordensjubiläum war mein erster Gedanke. Doch je näher ich darüber nachgedacht habe, desto besser gefällt mir dieser schlichte Auftrag. Denn dieser Aufruf beinhaltet nicht eben eine Glorifizierung des Heiligen und der damit verbundenen unkritischen Imitation. Viel mehr steckt dahinter der Gedanke, Don Boscos Anliegen vor dem Hintergrund veränderter Rahmenbedingungen neu zu interpretieren. Ohne eine intensive Beschäftigung mit seiner Person bleibt die Gefahr, die innere Nähe zu ihm, seinen Ideen und seinem Geist zu verlieren. Don Bosco wäre ein bloßes Fossil und würde als historische Figur zunehmend verblassen. 

 

Natürlich haben sich die Salesianer und die Mitglieder der DB Familie auch in früheren Jahren schon intensiv mit der Person Don Boscos beschäftigt. Ein kurzer Rückblick: Nach seinem Tod und  in der ersten Zeit danach entstanden schlichte Lebensprofile. Die historischen Daten seiner Familie wurden rekonstruiert, etc.


In einer zweiten Phase, sicher auch beflügelt von der Heiligsprechung 1934 entstanden zahlreiche Biografien und schriften, die sich weniger an den wirklichen Quellen und Daten orientierten, sondern vielmehr das Bild eines wundertätigen Idols, eines strahlenden Heiligen heraufbeschworen. Don Bosco war der Superheilige, der mit einem real lebenden Mensch wenig gemein hatte. Diese Betrachtung löste zunehmend Unbehagen auch unter den Salesianern aus.

 

Erst in den 70er Jahren begann die moderne historisch/kritische Geschichtsschreibung der Salesianer auf moderner wissenschaftlicher Basis. Mit modern und kritisch ist vor allem auch die Einordnung in den historischen Kontext gemeint. Was ist demnach nur zeitbedingt zu verstehen, was ist universell gültig? Warum handelte er so und nicht anders? Ausgehend von dieser Frage möchte ich dem Leitgedanken dieses Jahr: Ich bin der gute Hirte – wie Don Bosco nehmen wir die jungen Menschen als unseren Lebensauftrag an – nachgehen.

Don Pasqual Chavez wählt für diese Reflektion das Bild des Hirten wie es in Johannes 10 in den Versen 1-11 beschrieben wird.



Giovanni Bosco ist uns in vielen Rollen vertraut. Als Lehrer, als Erzieher, als Ordensgründer, als Priester und sicher auch als unbequemer Zeitgenosse. Das Bild des Hirten kennen wir aus vielen biblischen Geschichten und Gleichnissen. Ein Hirte kümmert sich, er teilt die rauen Bedingungen außerhalb des eigenen Hauses mit seinen Schafen. Er geht dem verlorenen Schaf nach auch wenn er 99 andere Schafe zu hüten hat. Er lässt keinen allein. Er macht sich Sorgen. Er sucht nach dem rechten Weg.
In der Priscilla Katakombe in Rom gibt es eine sehr alte Christus Darstellung aus dem 3. Jahrhundert. 

 

Auf diesem Bild ist Jesus als jugendlicher Mann dargestellt, der mühelos ein Schaf auf der Schulter trägt und zwei weitere um sich schart. Die Darstellung ist deswegen so interessant, weil es aus der ersten Zeit des Christentums eigentlich kaum direkte Darstellungen oder Christusbildnisse gibt. Während wir mit der bildlichen Darstellung von Jesus am Kreuz vertraut sind, machten sich die Menschen damals eigentlich kein Bild von Jesus. Das Bild des Hirten, der seine Schafe liebt und sich um sie kümmert, hat also schon in einer quasi bildlosen Zeit den Menschen Hoffnung und Trost gegeben.
Auch heute noch werden etwa die Bischöfe als die Oberhirten der katholischen Kirche bezeichnet- und auch wenn die wirklichen Hirten im Landschaftsbild Deutschland seltener geworden sind, können wir mit diesem Begriff direkt Assoziationen und Bilder verbinden. Der Hirte mahnt uns  und diejenigen, denen Verantwortung über Andere gegeben ist zu einer pastoralen Liebe. Also einer Liebe die nicht wegen der feinen Wolle und des zarten Lammfleisches gegeben wird, sondern um das Wohl der uns anvertrauten Menschen (und im Falle des Hirten seiner Tiere)

 


Diese Liebe, die sich etwa in dem Zitat ausdrückt (Ich liebe Euch von ganzem Herzen und es genügt mir zu wissen, dass ihr jung seid um Euch zu lieben)  ist wohl Don Boscos Markenzeichen und der Grund seiner Glaubwürdigkeit bei jungen Menschen. Don Caligio hat diese pastorale Liebe in 10 Geboten im Hirtenjargon definiert.

10 Gebote der pastoralen Liebe (nach Don Caligio)

•Hirte sein und nicht bezahlter Knecht (Joh 10, 11-13)
• Offene Tür für die Jugendlichen sein und nicht verschlossenes Tor (Joh 10, 7b)
• Stimme sein, die die jungen Menschen beim Namen nennt (Joh 10, 3)
• Die jungen Menschen wirklich kennen lernen (Joh 10, 14)
• Die Jugendlichen lieben und für sie da sein mit der ganzen Kraft seines Lebens (Joh 10, 15b)
• In allem bis zum Äußersten gehen (Joh 10, 10b)
• Sich für die Einheit von Hirt und Herde einsetzen (Joh 10, 16b)
• Das "Heiligtum" verlassen (Joh 10,3c)
• Ihnen auf ihrem Weg vorangehen (Joh 10,4)
• Auch an die Fernstehenden denken (Joh 10, 16a)


Ich zitiere nun aus dem Kommentar des GO zum Jahresleitgedanken. Unsere guten Vorschläge sollen keine leeren Versprechungen bleiben. Wie es bei Don Bosco war, so erwartet heute auch uns Gott in den Jugendlichen! Deshalb sollen wir ihnen an Orten und in Situationen begegnen, wo sie uns erwarten. Es ist wichtig, ihnen entgegen zu gehen, den ersten Schritt zu machen und einen gemeinsamen Weg mit ihnen zu gehen. Es ist tröstlich zu sehen, wie sich die Don‐Bosco‐Familie für die ärmsten Jugendlichen auf der ganzen Welt einsetzt: für Straßenkinder, für randständige Jugendliche, für arbeitende Jugendliche, für Kindersoldaten, für Jugendliche in Ausbildung, für Waisenkinder und ausgebeutete Kinder; aber ein liebendes Herz ist immer auch ein Herz, das sich selbst hinterfragt.

Auch heute, oder vielleicht heute noch mehr als je zuvor, stellt Don Bosco Fragen. Aufgrund der Kenntnis seiner Geschichte müssen wir die Fragen, die Don Bosco an uns richtet, hören: Was können wir noch mehr für die Jugendlichen tun? Was sind die neuen Einsatzgebiete in der Region, in der wir arbeiten, in dem Land, in dem wir leben? Haben wir offene Ohren, um den Schrei der Jugendlichen von heute zu hören? Was über die schon erwähnten Formen der Armut hinaus belastet den Weg der Jugendlichen von heute? In welchen neuen Einsatzgebieten müssen wir uns engagieren? Denken wir an die Realität der Familien, an den erzieherischen Notstand, an die Desorientierung in der emotionalen und der Sexualerziehung, an
den fehlenden sozialen und politischen Einsatz, an den Rückzug vom öffentlichen ins private Leben, an die spirituelle Schwäche, an das Unglück so vieler Jugendlicher. Hören wir den Schrei der Jugendlichen und bieten wir ihnen Antworten an auf ihre dringendsten, tiefsten und konkretesten sowie auf ihre spirituellen Bedürfnisse!

 


Aus seinem Lebenslauf können wir die Antworten Don Boscos in Bezug auf die
Bedürfnisse der Jugendlichen kennen lernen. So können wir die Antworten, die wir schon umgesetzt haben, und die, welche noch zu entwickeln sind, besser betrachten. Gewiss, an Schwierigkeiten fehlt es nicht. Gott ruft uns und Don Bosco ermutigt uns, nach dem Bild des Guten Hirten unsererseits gute Hirten zu sein, damit die jungen Menschen auch heute noch Väter, Mütter und Freunde finden; und damit sie das Leben finden, mehr noch: das Wahre Leben, das Leben in Fülle, das von Jesus angeboten wird (Joh 10,10).

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