Aufklärung auf Augenhöhe


In Swasiland ist jeder Zweite HIV-infiziert. Die Salesianer kämpfen mit Aufklärungsunterricht dagegen an

 

Wie bekomme ich Aids? Wenn man Tanele danach fragt, muss die 13-Jährige nicht lange überlegen: „Wenn ich mit einem Jungen schlafe, der HIV-positiv ist. Deshalb werde ich mich von Männern fern halten.“ Das burschikose Mädchen hat den Aufklärungsunterricht in der Schule mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Kein Wunder: Tanele ist Aidswaise. Eine von 70 000 Kindern, deren Eltern in Swasiland an Aids gestorben sind. Gerade mal 1,1 Millionen Einwohner hat der kleine Staat im südlichen Afrika, der von einem König regiert wird. Jeder Zweite (42,6 Prozent) ist hier HIV-infiziert.

 

Taneles Mutter steckte sich vor zwei Jahren mit der tödlichen Immunschwäche an. Ihren Vater hat das Mädchen, das aus einem Dorf in der Nähe von Manzini stammt, nie kennen gelernt. „Ich habe mit meiner Schwester und meiner Mutter zusammen gewohnt. Wir haben den Haushalt geführt und sie gepflegt, als sie krank wurde.“ Für Medikamente und die Schule war kein Geld da, oft reichte es nicht mal fürs Essen. Nach dem Tod der Mutter schlugen sich Tanele und ihre Schwester ein Jahr lang alleine durch, bis der Dorfvorsteher die Salesianer Don Boscos informierte. Der katholische Orden, dessen Projekte unter anderem von der deutschen Koordinierungsstelle „Don Bosco Mission“ in Bonn finanziert wird, leitet in dem afrikanischen Königreich Schulen und Ausbildungszentren für Straßenkinder und Jugendliche aus armen Familien. Dazu gehört auch ein Aids-Hospiz. Für Aidswaisen wie Tanele übernimmt der Orden die Kosten für den Schulbesuch, Bücher, Kleidung und medizinische Versorgung, sie lebt weiter mit ihrer Schwester in der Dorfgemeinschaft.

 

„Die Hälfte unserer derzeit 500 Schützlinge sind Aids-Waisen. Und es werden ständig mehr,“ sagt Pater Larry Mc Donnell, 72, der mit 12 Mitarbeitern seit über 30 Jahren die Don Bosco-Einrichtungen in Swasiland leitet. „Die ganze Generation zwischen 20 und 40 stirbt weg. Vor allem Frauen, die von ihren Ehemännern angesteckt werden.“ Die wichtigsten Gründe für die rasante Verbreitung des HI-Virus in Swasiland: Armut, Unwissenheit und Polygamie. Viele Männer haben drei bis vier Ehefrauen und zahlreiche Geliebte. König Mswati III macht es ihnen vor: Er hat 13 Frauen und sich gerade mit der 14. verlobt. Bei einer Arbeitslosigkeit von fast 70 Prozent ist zudem jeder Tag ein Kampf ums Überleben. „Wer arm ist, hat nicht viel Ablenkung. Und wenn die Menschen nicht wissen, ob sie nächste Woche überhaupt noch leben, denken sie nicht über die Folgen ihres Verhaltens nach.“ In den staatlichen Schulen, Gemeinden und Krankenhäusern ist Aids ein Tabu, kritisiert der irische Pater. Zwar gibt es öffentliche Beratungsstellen - aber dort verteilen die Mitarbeiter nur Informationsbroschüren. „Niemand arbeitet daran, das Verhalten zu ändern. Erklärt den Menschen zum Beispiel, warum Treue und Enthaltsamkeit vor der Ehe wichtig sind.“

 

Grund genug für Pater Larry, Aidsprävention in den Don Bosco-Einrichtungen ganz oben auf die Agenda zu setzen. Neben Workshops in den Schulen stehen im Berufsbildungszentrum für die 200 Lehrlinge zweimal die Woche „Life Skills“ auf dem Programm: Dazu zählt Aufklärung über Aids, Schutz der Frauen vor Gewalt, Aufbau von Selbstvertrauen und Übernahme von Verantwortung. „Wir reden mit ihnen über die Konsequenzen ihres Handelns. Aber ich schreibe ihnen nicht vor, was sie tun sollen,“ erklärt HIV-Trainer Norman Radecan. „Entscheiden müssen sie selbst.“

 

Aufklärung auf Augenhöhe - ein Konzept, das bei den jungen Swasis ankommt. Zum Beispiel bei Tenjiwe. Im Life-Skill-Kurs bekam er zum ersten Mal seriöse Antworten auf seine Fragen. „Unsere Eltern sprechen mit uns nicht über Aids. Fernsehen oder Radio haben wir nicht,“ sagt der 21-Jährige, der bei den Salesianern eine Ausbildung zum technischen Zeichner macht. „Alle Informationen bekommen wir hier von Gleichaltrigen – und das sind oft wilde Gerüchte. Zum Beispiel, dass man durch Kondome Würmer oder Aids bekommt.“ Teilnehmerin Diana gefällt, dass Gewalt gegen Frauen thematisiert wird. „Bei uns bestimmen die Männer alles,“ sagt die junge Frau, die bei den Salesianern einen Catering-Kurs absolviert hat. „Wenn wir von ihnen einen Aids-Test verlangen oder den Sex verweigern, gehen sie auf uns los.“ Viele Männer steckten ihre Frauen erst an und setzten sie dann auf die Straße, so die 24-Jährige. Im Life-Skill-Kurs hat Diana gelernt, auf ihre Fähigkeiten zu bauen. „Ich will mich selbständig machen und einen Mann suchen, der mich unterstützt. Wenn ich den nicht finde, schaffe ich es allein.“

 

Von einem Leben als Geschäftsfrau mit einem BMW träumt auch Waisenmädchen Tanele. Sie will erst mal die Schule fertig machen, dann Geld verdienen und einen BMW kaufen. „Und Kinder adoptieren, um die sich niemand kümmert - damit sie dieselbe Chance bekommen wie ich.“

 

Weitere Projekte der Salesianer im Bereich Aidsprävention:

Projekt Südafrika: Nur die Liebe zählt

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Nachrichten aus Swasiland:

 

Mit Unternehmergeist gegen Unterdrückung (4.1.2007)


Iris und Andreas berichten im Stern 38/2008 von ihrem Volontariat