Mit Unternehmergeist gegen Unterdrückung


In Swasiland erweist sich ein von den Salesianern gegründeter Frauenbetrieb als Umsatzbringer und Hilfswerk für Straßenkinder

 

Von Annette Kaiser, Manzini

 

Für den König von Swasiland hat das Leben offenbar nur Sonnenseiten: Mswati III lässt sich einen Palast nach dem anderen bauen, fährt mit Luxus-Limousinen durch das Land und vergnügt sich mit 13 Ehefrauen. Für sein Volk dagegen bedeutet jeder Tag einen Kampf ums Überleben. Denn zwei Drittel der Menschen leben unter der Armutsgrenze, 70 Prozent haben keinen Job, fast jeder Zweite ist mit Aids infiziert. In Swasiland, einem Königreich mit gerade mal 1,1 Millionen Einwohnern im südlichen Afrika, prallen die Gegensätze aufeinander. Doch von Neid auf ihren absolutistischen Herrscher ist Mildred Henwood weit entfernt. „Wieso sollte ich ihm seinen Reichtum nicht gönnen?“ fragt die Geschäftsfrau aus der Industriestadt Manzini ganz erstaunt. „Ich habe doch ein Gehirn zum Denken und zwei Hände zum Arbeiten. Damit kann man alles erreichen, was man will!“

 

Die resolute 61-Jährige weiß, wovon sie spricht. Denn Mildred leitet ein besonderes Unternehmen: „Eswatini Kitchen“, eine Produktionsfabrik für Marmeladen, Saucen, Chutneys und eingelegtes Gemüse. Von außen lässt der unauffällige Bau im Gewerbegebiet von Manzini nicht vermuten, dass sich darin ein Paradebeispiel für ein gelungenes Start-up im südlichen Afrika verbirgt. Denn Eswatini, was so viel heißt wie „in Swasiland produziert“ – exportiert seine Gläser erfolgreich in 13 Länder, darunter Deutschland, Frankreich, Australien und Japan. Das Unternehmen beschäftigt nur Frauen. Pater Larry McDonnell vom Orden der Salesianer Don Boscos hatte 1991 zusammen mit einer anglikanischen Nonne die Idee zur Marmeladenproduktion in dem abgelegenen Land zwischen Südafrika und Mosambik. „In Swasiland wachsen viele Früchte, zum Beispiel Orangen, Mangos, Guaven und Ananas,“ sagt der 72-jährige Priester aus Irland, der sein halbes Leben dort verbracht hat. „Und ich war auf der Suche nach einer Finanzquelle für meine Kinder.“ Seine Kinder, das sind rund 1300 Straßenkinder, Aidswaisen und Jugendliche aus ärmsten Familien, denen der Orden unter dem Namen „Manzini Youth Care“ den Besuch einer Schule oder eine Berufsausbildung in eigenen Werkstätten finanziert. Als Mildred damals zu Eswatini Kitchen stieß, machte das Unternehmen allerdings noch keinen Gewinn. „Am Anfang haben wir nach meinen Rezepten drauflos gemixt und die Produkte überall angeboten,“ erinnert sie sich schmunzelnd an die Anfänge. Über die Hilfsorganisation Oxfam entstand ein Kontakt zu Fairtrade-Filialen in den Niederlanden. Die Holländer finanzierten Computer und Kühlschränke sowie Fachleute, die Mildred und ihren Mitarbeiterinnen halfen, die Qualität ihrer Produkte zu verbessern. Mildred selbst wurde außerdem in Amsterdam in Hygiene, Recht, Finanzen und Marketing geschult. Die Unterstützung hat sich gelohnt. „Jetzt stehen wir auf eigenen Füßen,“ freut sich die Managerin. Heute beliefert sie Fairtrade-Handelshäuser in aller Welt, darunter Gepa in Wuppertal. Rund 500 000 Gläser verlassen Eswatini Kitchen jedes Jahr, das Sortiment ist inzwischen auf 40 Sorten angewachsen. Vom erwirtschafteten Umsatz zahlt Mildred das Gehalt für ihre Angestellten, 52 ungelernte Frauen aus mittellosen Verhältnissen. Der Gewinn – er lag 2005 bei 21.000 Euro - geht komplett an „Manzini Youth Care.“ Alle Früchte kauft Mildred von lokalen Farmern. Sie hat sie alle persönlich besucht und sich vergewissert, dass die Bauern keine chemischen Düngemittel oder Pestizide verwenden. Neben den Angestellten und Farmern verdienen weitere 400 Frauen bei Eswatini Kitchen ihren Lebensunterhalt: Sie stellen in Handarbeit bunte Geschenkkörbe aus Bast für die Marmeladengläser her.

 

Das Einkommen, das sie auf diese Weise für sich und ihre Familien erwirtschaften, haben die Frauen in Swasiland bitter nötig. Offiziell liegt die Arbeitslosenquote bei 40 Prozent. „Aber viele Menschen haben nur Gelegenheitsjobs. In Wirklichkeit beträgt die Arbeitslosigkeit mindestens 70 Prozent,“ sagt Pater Larry. Die meisten leben von weniger als einem Euro am Tag, eine soziale Absicherung existiert nicht. Wer kann, verlässt das Königreich und sucht einen Job im boomenden Nachbarland Südafrika. Nach dem Ende der Apartheid sind viele Betriebe dorthin umgesiedelt. Unternehmen wie Eswatini Kitchen sind deshalb wichtig, um den Menschen im eigenen Land eine Perspektive zu geben. Für Managerin Mildred geht es aber um mehr. „Die Frauen machen durch die Arbeit bei uns die Erfahrung, dass sie etwas wert sind. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, auf Hygiene zu achten und mit Geld umzugehen.“ In einem Land, in dem Frauen kein Land besitzen dürfen, keine einklagbaren Rechte haben und die Polygamie akzeptieren müssen, ist das nicht selbstverständlich. Millie zum Beispiel hatte sogar Angst vor elektrischem Licht, bevor sie zu Eswatini Kitchen kam. Heute ist die allein erziehende Mutter dreier Kinder für die technischen Geräte verantwortlich. „Ich kontrolliere, ob die Kühlschränke die richtige Temperatur haben oder die elektronischen Messgeräte im Labor richtig funktionieren,“ erklärt die 28-Jährige stolz. Zudem wird dafür gesorgt, dass die Angestellten über Aids aufgeklärt werden. In Swasiland sind 42,6 Prozent HIV-positiv.   Durch Armut, Polygamie und Vergewaltigung hat sich das Virus so sehr ausgebreitet, das die Swasis im Schnitt nur 38 Jahre alt werden. Grund genug für Unternehmensgründer Pater Larry, die Mitarbeiterinnen zu schulen. „Wir laden Aidstrainer ein, die Informations- und Diskussionsveranstaltungen in unserer Fabrik durchzuführen,“ sagt der Priester mit den hellwachen blauen Augen. „Und ermuntern die Frauen, sich testen zu lassen.“

 

Eswatini Kitchen ist ein Vorzeige-Modell in vieler Hinsicht. Doch nach Abzug aller Löhne und Unkosten reicht der Gewinn bei weitem nicht aus, um die Kosten für die Unterbringung und Ausbildung der vielen Aidswaisen und obdachlosen Kinder auf den Straßen Manzinis zu decken. Pater Larry plant deshalb schon das nächste Projekt – eine Honigfabrik, zusammen mit Imkern aus der Umgebung. „Jeder hat das Recht, etwas von der Sonnenseite des Lebens abzubekommen,“ erklärt der Priester sein Engagement. „Egal, ob er König ist oder nicht.“

 

Weitere Projekte der Salesianer in Swasiland

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Nachrichten aus Swasiland:


Aufklärung auf Augenhöhe (22.11.2006)


Iris und Andreas berichten im Stern 38/2008 von ihrem Volontariat