Seelsorge bei den Achuar



Copyright: Adveniat/Martin Steffen

Der Ethnologe, Linguist und Salesianerpater Luis Bolla arbeitet seit mehr als 30 Jahren bei den Achuar im peruanischen Regenwald

 

 

Die Mittagshitze hängt schwer und drückend über dem amazonischen Regenwald. Mächtige Wolken bauen sich über Baumriesen und Maniokfeldern auf. Kinder mit schwarzen Haaren und nackten Bäuchen schlurfen über die heiße Erde in ihre Hütten. Niemand will jetzt spielen, rennen oder arbeiten. Nur Santiak Use Maich sitzt konzentriert vor seinen Büchern. In der luftigen Dorfkirche von Wijint hat er an dem einzigen Tisch Platz genommen.

 

 

Über ihm prangt auf der Pfette des hohen Palmdachs ein hölzernes Kreuz. Daneben hängt eine zehnseitige Bilderrolle. Die Blätter stellen Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi dar und erläutern anschaulich die Zehn Gebote.

Auf dem Tisch liegen ein Stapel Papier, Hefte, Bücher und Stifte. Der 45 Jahre alte Katechet bereitet sich auf seine Weihe zum Diakon vor. Ein hartes Stück Arbeit, denn in den kommenden neun Monaten muss Santiak einen Berg von Unterlagen bewältigen. Immerhin sind die Schriften in seiner Sprache verfasst. Der italienische Pfarrer Luis Bolla Sartori hat sie während seiner 30 Jahre im Dschungel in die Sprache der Achuar übersetzt. Das Volk von Jägern und Sammlern lebt im Grenzgebiet von Peru und Ecuador. Luis Bolla kam Ende der 1970er Jahre zur Evangelisierung in die abgelegene Region.

»Geht’s voran, Santiak?« Der Pfarrer lugt durch den Schlitz zwischen Dach und löchriger Lattenwand. Ein hagerer Mann mit weißem Rauschebart, kahler Stirn und einem dünnen Zöpfchen im Nacken. Freundlich lächelt der italienische Salesianer seinem Zögling zu. Der blickt auf, ganz ruhig, nickt, ohne ein Wort zu sagen, und wartet. Luis Bolla öffnet die Holztür und betritt seine Kirche. Wijint ist das ländliche Zentrum der peruanischen Regenwaldpfarrei San Lorenzo, ein kleines Dschungeldorf am Río Pastaza. 30 Familien leben hier, etwa 180 Bewohner. Hinzu kommen sechs Schwestern der »Misioneras Lauritas«, während der Schulzeit rund 200 Schüler des Missionsinternats und fünf Lehrer. Jetzt sind jedoch Ferien und Santiak kann in Ruhe büffeln.

Luis Bolla setzt sich zu seinem Schüler. Er stellt ihm Fragen, kommentiert Bibelstellen, erklärt Sinn und Zweck der Texte. Schnell füllt sich der schlichte Raum mit Leben. Lehrer und Schüler diskutieren auf Achuar, die Worte zischen und klicken, der Pfarrer gestikuliert wild mit den Armen. Santiak antwortet kurz, knapp und ohne sich zu bewegen. Er liest den Text über die Apokalypse laut vor, Bolla kichert und sagt grienend: »Das war der schwierigste Text überhaupt! « Bolla hat das Neue Testament übersetzt, den Katechismus, Gebete, Liturgien. Er hat Liederbücher geschrieben, ein Wörterbuch und eine vierbändige Reihe über die Welt der Achuar.

 

 

»Es geht darum, eine Sprache zu finden, die die Menschen hier verstehen und die ihre Mythen und Kultur berücksichtigt «, sagt der passionierte Ethnologe, Linguist und Seelsorger. »Das ist sehr schwer und anspruchsvoll, aber ich habe eine große Befriedigung darin gefunden.« Luis Bolla, 74 Jahre alt, fühlt sich »im vierten Frühling«, wie er sagt. Fit und durchtrainiert wirkt der alte Mann mit seinem sehnigen Körper, den makellosen Zähnen und den blitzenden Augen. Mehr als die Hälfte seines Lebens hat Luis Bolla im amazonischen Grenzgebiet verbracht. Sein Lebenswerk sind die Schriften und die respektvolle Missionierung der dort lebenden Ethnien.

»Er hat uns das Wort Gottes gebracht und ich bin ihm gefolgt«, sagt Puanch Mukuin Puanch. Der siebenfache Familienvater ist Katechet in Wijint. Auch er soll im November das Amt des Diakons antreten. Eigentlich müsste er mit Santiak aus dem Nachbardorf lernen, aber sein Sohn ist von einer Schlange gebissen worden und musste auf die Krankenstation transportiert werden. Puanch kommt in Gummistiefeln, Sporthose und mit freiem Oberkörper zurück ins Dorf, das Gewehr von der Jagd geschultert. »Er ist außer Lebensgefahr«, sagt Puanch erleichtert. Seine Frau Yampaniak kocht Masato, ein vergorenes Maniokgetränk, auf dem offenen Feuer in der Hütte. Draußen donnert es, der Regen prasselt in Fluten vom Dach herunter. Aluminium würde in der schwülen Luft nach 10 Jahren verrotten. Die traditionelle Bauweise der Achuar hält 30 Jahre.

»Gottes Wort hilft uns, gut mit unseren Frauen und Familien zu leben und unsere Kultur und unsere Sprache zu erhalten«, meint Puanch. Seit 20 Jahren predigt der 40-jährige Laie in Wijint. Mit 17 sollte er auf die Oberschule von San Lorenzo, aber er hat sich dagegen entschieden, weil er Padre Luis Bolla unterstützen wollte. Der verkündet das Evangelium ohne Zwang, integriert traditionelle Mythen der Achuar wie Gottvater Sonne und Mutter Erde in die Genesis. 1992 wurde Puanch getauft, vier Jahre später traute Luis Bolla das Ehepaar. Jetzt will Puanch zusammen mit vier weiteren Männern aus der riesigen Pfarrei Diakon werden, um die entstehende Kirche mit Leben zu füllen, sein Volk zu stärken und den Kindern Antworten auf die Fragen der globalisierten Welt anzubieten. Internationale Erdölund Holzkonzerne drängen in den Urwald, Drogenkuriere und Siedler rücken näher.

Padre Luis Bolla unterstützt den Widerstand der Achuar. Das hat ihm den Ruf des Kommunisten und diverse Morddrohungen eingebracht. »Lebte ich in Kolumbien, wäre ich schon lange tot«, sagt er trocken und fügt hinzu: »Ich bin kein Kommunist, aber ich glaube an ein radikales Evangelium.« Liebe statt Hass predigt der Italiener, ein friedliches Miteinander. Er fordert die Rechte der indigenen Bevölkerung ein und den Erhalt ihrer einzigartigen Kultur. Sein Weg hat viele Männer und Frauen überzeugt. Allein in der Pfarrei San Lorenzo haben Bolla und seine Kollegen 40 Laienprediger und Katecheten ausgebildet. In neun Monaten werden die ersten fünf Diakone geweiht. Santiak und Puanch freuen sich schon auf den Besuch des Bischofs in Wijint.

 

 

Text: Constanze Bandowski

 

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Blickpunkt Lateinamerika, des Hilfswerkes Adveniat, Ausgabe 4/09.

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Die Regenwaldpfarrei San Lorenzo liegt im Apostolischen Vikariat Yurimaguas im nördlichen Amazonasgebiet Perus. Mit 46.710 km² ist die Pfarrei fast so groß wie Niedersachsen. Allerdings leben nur etwa 44.000 Menschen in dem Gebiet, 5.500 davon in der Stadt San Lorenzo. Die Pfarrei wird von fünf selbständigen Pastoralteams betreut, von denen jedes Team die Seelsorge in einer bestimmten Region übernimmt. Der italienische Pfarrer Luis Bolla vom Salesianerorden betreut mit dem Ecuadorianer Diego Clavijo die Region um Wijint. Die Schwestern der Misioneras Lauritas unterstützen ihre Arbeit. Durch die extrem weiten Entfernungen, die nur zu Fuß oder per Boot zu bewältigen sind, ist die Ausbildung von Laienpriestern und Katecheten wichtig, um das religiöse Leben aufrechtzuerhalten. Adveniat fördert die Pfarreiarbeit seit Jahren. Luis Bolla hilft dem Katecheten Santiak bei den Vorbereitungen zur Diakonenweihe. Seit 30 Jahren lebt er im Dschungel und studiert Sprache und Kultur der Achuar.