DBM
Don Bosco Mission » Projekte » Projektländer » Asien » Indien » Drei Tage in Armut – ein Erfahrungsbericht

Drei Tage in Armut – ein Erfahrungsbericht


Karin Lamberty, Mitarbeiterin bei Don Bosco, lebte drei Tage bei einer Familie in Jawhar, fünf Autostunden von Mumbai. Auf dem Land sind die Lebensbedingungen hart: Strom und sauberes Wasser gibt es nur bedingt, es ist oft sehr heiß und trocken, was den Anbau von Nahrungsmittel und die Viehhaltung schwierig gestaltet. Schul- und Ausbildung ist oft schlecht und sehr teures Gut für die Familien. Dinesh, der älteste Sohn von Karins Gastfamilie, profitiert von einem der Berufsbildungszentren Don Boscos und lernt Elektriker. Lesen Sie mehr über ihn, seine Familie und ihr Leben in Karins Bericht:

 

Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass ich meinen 30. Geburtstag einmal so feiern würde: in einer Hütte bei meiner Gastfamilie in Jawhar, etwa 5 Stunden Autofahrt von Mumbai entfernt. Hier verteile ich Bonbons an die vielen Kinder der Nachbarschaft, die sich kichernd um mich versammelt haben, die ich aber in dem schummrigem Licht, ausgehend von selbst gebauten Petroleumlampen, kaum sehen kann. Ich fühle mich wie eine Königin, auf meinem Thron aus einem Plastikstuhl. Alle anderen stehen oder sitzen auf dem Boden und schauen mich neugierig an, trauen sich aber nicht, etwas zu sagen. Nur ein Junge aus der Nachbarschaft begrüßt mich freundlich auf Englisch.

 

Als es Zeit zum Abendessen wird und die Nachbarn das Haus verlassen, kann ich meine Familie etwas näher kennen lernen: meinen Gastvater Chendrakand (40), seine Frau Saigi  (36) und vier ihrer Kinder, die Brüder Dinesh (20) und Atul (12), sowie die Schwestern Manisha (18) und Washoda (17). Usha, mit 22 Jahren die älteste Tochter, lebt bereits außer Haus und hat eine eigene Familie gegründet. Wir haben uns in der Küche versammelt, in der die Frauen auf offenem Feuer das Essen zubereiten. Man merkt gleich, dass die Mutter das Familienoberhaupt ist. Der Vater und die Kinder sind alle sehr, sehr ruhig und zurückhaltend. Die Mutter hingegen ist sehr laut, bestimmend und zudem witzig, sie bringt alle Anwesenden oft zum Lachen. Dennoch verläuft die erste Unterhaltung eher schleppend, denn Saigi ist der Meinung, dass ein Gespräch nicht funktionieren kann, wenn man nicht dieselbe Sprache spricht und schweigt. Dass Neville, ein 19-jähriger Junge aus Mumbai als Übersetzer fungiert, interessiert sie dabei nicht. Immerhin zeigt sie mir aber gerne, wie man Chapatis zubereitet.

 

Zum Essen setzen wir uns alle gemeinsam auf den Boden. Chendrakand erzählt mir, dass die Familie ihren Unterhalt als Farmer verdient. Sie ernten gerade soviel, dass sie sich davon ernähren können, allerdings bleibt nichts übrig zum Verkauf. In diesem Jahr hat es zudem verspätet geregnet, so dass die Reisernte zunichte gemacht wurde. Früher konnte man von der Landwirtschaft leben, doch seit die umliegenden Wälder abgeholzt wurden und das Wasser des Flusses nach Mumbai abgeleitet wird, reichen die Erträge nicht mehr. Aus dieser Not heraus muss die Familie immer wieder in die Stadt ziehen und sich dort als Bauhelfer ein Zubrot verdienen. Doch auch damit können sie nur gerade so überleben.

 

Das Haus zeugt von der materiellen Armut, es ist karg eingerichtet. Trotzdem ist Chendrakand stolz auf sein Haus: „Ich habe eigenhändig tausende von Ziegelsteinen geformt, getrocknet und damit dieses Haus aufgebaut.“ Im kleinen Vorraum gibt es lediglich eine Schnur, auf der ein paar Kleidungsstücke aufgehängt sind, drei Plastikstühle und ein Fahrrad. Im Hauptraum ist außer einigen Decken und Säcken mit Getreidevorräten eigentlich nichts vorhanden. Von der Decke baumelt eine (Energiespar!)-Lampe. Wann und wie lange Strom vorhanden ist, weiß jedoch nie jemand. Der hintere, schmale Raum ist abgeteilt in eine Spül- und Waschecke, in der das Wasser in einer großen Tonne vorgehalten wird, sowie in eine Kochecke, in der weitere Getreidevorräte und Geschirr aufbewahrt werden.

 

Ich frage, wie die Familie denn verhindert, dass frische Lebensmittel verderben? Schließlich habe ich keinen Kühlschrank gesehen. Sie erklären mir, dass sie jeden Tag frische Früchte und Gemüse besorgen und niemals für mehrere Tage einkaufen. Die Milch kommt sogar direkt von ihrer eigenen Kuh.

 

Nach dem - trotz aller Einfachheit - ganz hervorragendem Essen wird der Raum von den Mädchen mit einem getrockneten Palmwedel rasch ausgefegt und sie breiten für alle die Decken auf dem Boden aus. Es ist Schlafenszeit. Neben mir schnarchen dann auch schon bald leise die sechs eng aneinander gekuschelten Familiemitglieder, mein Übersetzer, sowie die Rinder, deren Stall durch offene Fenster mit unserem Raum verbunden ist.

 



Ein Tag im Leben einer fernen Welt

Der nächste Morgen beginnt bei Sonnenaufgang mit einem Hahnenschrei. Um den Eltern und den Mädchen ein wenig Privatsphäre zu lassen, mache ich mit Dinesh und Neville einen Spaziergang durch das Dorf. Die Dorfbewohner sind so genannte „Tribals“, d.h. dass sie einer Ethnie angehören, die von und mit der Natur lebt. Sie schonen die Natur, zerstören sie nicht. So sehe ich z.B. kaum Müll, im Gegensatz zur Stadt. Auch die Tiere werden sehr gut behandelt. Hühner laufen im ganzen Dorf frei mit ihren Küken umher und Hunde werden als Haustiere gehalten. Die Dorfbewohner sind keine Hindus sondern folgen einer Naturreligion, wenn auch die Häuser mit Bildern von hinduistischen Fruchtbarkeitsgöttern geschmückt sind.

 

Dinesh zeigt mir den tiefen, offenen Brunnen, an dem sich schon früh morgens mehrere Frauen versammelt haben um ihr Waschwasser zu schöpfen. Das Trinkwasser hingegen stammt aus einer anderen Quelle. Dort kommt nur zu bestimmten Zeiten für etwa eine Stunde am Tag kostbares Trinkwasser aus Leitungen.

 

Als wir heimkommen, macht der kleine Atul aus dem Wasser gerade schwarzen, süßen Tee, nicht ohne sich den einen oder anderen Esslöffel Zucker zu Gemüte zu führen. Als er auffliegt, ist das Gelächter groß – trotz der Knappheit der Lebensmittel. Aber Atul ist einfach zu niedlich und gewitzt.

 

Die Mädchen sind trotz des normalerweise freien Sonntags in der Schule; sie nehmen zusätzlichen Unterricht, damit sie auf jeden Fall ihre Prüfungen bestehen. Sie scheinen die gleichen Rechte wie die Jungs zu haben. Sie müssen noch nicht heiraten, dafür aber auch schon mal hart arbeiten, wenn z.B. schweres Brennholz eingesammelt wird oder aber die Kühe gehütet werden müssen.

 

Dinesh zeigt mir zunächst, wie ein normaler Tag der Familie abläuft. Wir besuchen zuerst Chendrakand auf der Weide, der diesmal die fünf Rinder hütet. Er ist stolz auf seine Tiere:  „Sie haben alle Namen. ‚Gold’ und ‚Silber’ heißen sie!“ Danach schneiden wir mit einem kleinen Sichel Büschel für Büschel Gras. Nach dem Schneiden wird das Gras ausgelegt und getrocknet, damit es später als Heu an die Rinder verfüttert werden kann. Es ist eine mühsame, anstrengende Arbeit, besonders unter der sengenden Sonne.

 



Allen ist klar: gute Bildung ist wichtig für’s Leben

Dinesh nutzt den Tag dann auch lieber dafür, mit Neville und mir durch die Felder zu streifen, essbare Früchte zu erläutern und zu vertilgen, und anschließend die Dorfschule zu besuchen. Hier bekommen wir eine Führung durch die Schule, die vom „Wandering Saint“ gegründet wurde. Ein großzügiger Hindu zog in den 1960er Jahren durch die Dörfer, gründete und finanzierte mehrere Schulen, die es bis dahin in dieser Gegend ringsum nicht gegeben hatte. Die Lehrer erzählen mir, dass heutzutage der Staat die Prüfungsgebühren für ein paar wenige der Schüler übernimmt. Doch da eine gute Schulausbildung die einzige Möglichkeit ist, später einmal ein besseres Leben zu führen, kommen so viele Kinder in die Schule, dass die Klassen aus fast 90 Schülern bestehen. Die Lehrer unterrichten sie trotzdem, auch wenn die Qualität des Unterrichts darunter leidet.

 

Dineshs Eltern sind ebenfalls der Meinung, dass eine gute Ausbildung die einzige Möglichkeit ist, aus der Armut auszubrechen. „Wir selbst haben nie eine Schule besucht. Aber unsere Kinder sollen es später einmal besser haben, dafür arbeiten wir hart.“ Denn der Schulunterricht ist zwar kostenlos, für die Prüfungen müssen aber Gebühren gezahlt werden. Für die Familie bedeutet dies eine Menge Geld. Sie haben bereits ihren zwei ältesten Kindern die Schulausbildung ermöglicht und sie finanzieren weiterhin die Prüfungsgebühren der zwei jüngeren Töchter. Nur für Atul gab es nicht immer genug Geld. Er musste mit der Schule bereits drei Jahre hintereinander aussetzen.

 

Auf dem Weg zurück ins Dorf erzählt Dinesh, dass er eine Ausbildung zum Elektriker macht. Er ist traurig, da dies bedeutet, dass er später seine Familie wird verlassen müssen, da es auf dem Land keine Arbeit für ihn gibt. Im Dorf gebe es ja so gut wie keine Elektrik. Später, in der Nacht, wird er um 3 Uhr nachts aufstehen, um seinen Prüfungsstoff nochmals durchzugehen und zu lernen, damit er auch tatsächlich einen guten Abschluss machen wird.

 

Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz. Nachmittags haben wir viel Freude beim Kricket spielen. Die gesamte Dorfjugend ist auf einer Wiese versammelt und jagt dem Ball hinterher. Und abends wird den deutschen Gästen zu Ehren sogar ein traditioneller Tanz aufgeführt, den das Dorf zu vielen Anlässen gerne tanzt. Dazu hüpfen die Männer des Dorfes mit ineinander verhakten Armen wild im Kreis um einen Instrumentenspieler. Der erste schlägt dazu mit einem Stock mit Schellen im Takt auf den Boden. Das ganze Dorf schaut zu, wie der Tanz die ganze Nacht über andauert.

 

Ich hoffe, die Dorfbewohner und meine Gastfamilie tanzen und feiern noch oft und lange und lassen sich von den harten Lebensbedingungen nicht unterkriegen. Sie bekommen Hilfe von Don Bosco, deren Mitarbeiter in die Dörfer gehen und die Dorfbewohner über ihre Rechte aufklären. Diese könnten nämlich eine Förderung durch die Regierung verlangen, aufgrund der noch mangelnden Bildung wissen sie davon allerdings zumeist nichts und angesichts der Korruption kommt das Geld nicht bei ihnen an. Besonders die Frauen des Dorfes sind jedoch sehr engagiert in der Dorfentwicklung und entwickeln Ideen, wie man das Leben verbessern kann. Ich bin gespannt, was Manisha und Washoda sich einfallen lassen, und wie sie ihren 30. Geburtstag verbringen werden.

 


Exposure- und Dialogprogramm: Die Grohe Jal Akademie

Elf Vertreter von Unternehmen, Hilfsorganisationen und öffentlichen Stellen, brachen im Dezember 2010 zu einer ungewöhnlichen Reise auf: Drei Tag lebten sie in indischen Gastfamilien im Slum von Mumbai und außerhalb auf dem Land in ärmlichen Familien mit. Begleitet wurden sie dabei von Auszubildenden der Grohe-Wasser-Akademie, einer Berufsbildungseinrichtung der Salesianer Don Boscos, die vom deutschen Sanitätsunternehmen Grohe eingerichtet und gefördert wird. Eintauchen in die Lebenswelt der jungen Menschen, denen die Förderung zugute kommt, das war die Idee, die hinter dem gemeinsamen Projekt vom Dialog und Exposure Programm e.V. und Don Bosco Jugend Dritte Welt e.V. stand. Anschließend stand ein Besuch er Grohe-Wasser-Akademie auf dem Plan, ein Ausbildungsprojekt im Sanitärbereich, das Grohe in Zusammenarbeit mit den Salesianern Don Boscos in Mumbai ins Leben gerufen hat.