Auf der Hut
Der folgende Text ist beim Kontinente Magazin Ausgabe 01/2012 erschienen.
Text: Andreas Unger; Fotos: Florian Kopp
Sharifah* {*alle Namen im Text geändert} kann sich mit Muslimen über den Regen unterhalten, über das Essen und über Cricket, über den Zustand der Straßen, den Gestank der Textilfabriken und sogar über Politik. Aber nicht über Religion. Denn es gibt da diesen Punkt. Sharifah kennt ihn genau, aber sie kann ihn nicht beschreiben und nicht vorhersehen. Es ist der Punkt, an dem ein Gespräch plötzlich abbricht und ein Streit anfängt. Sharifas Freundin Naima zum Beispiel ist Muslima und interessierte sich für das Christentum. Sharifah erzählte ihr von den christlichen Feiertagen, lud sie an Weihnachten ins Haus ihrer Familie ein. Eines Tages fragte Naima, was Sharifah da um das Handgelenk gewickelt habe. „Einen Rosenkranz“, sagte Sharifah, und Naima fragte, ob sie ihn auch einmal überstreifen dürfe. In dem Augenblick ging ein Bekannter der beiden dazwischen, schrie „berühre das nicht!“, sprach aufgeregt vom „Beschmutzen der Würde“ und von „Ungläubigen“. Seitdem ist weitgehend Funkstille zwischen Naima und Sharifah.
Sharifas Vater Amin kennt diesen Punkt ebenso. Er hat als Chauffeur eines Pakistanis gearbeitet. Es war für alle Mitarbeiter selbstverständlich, zusammen zu essen. Bis seine muslimischen Kollegen eines Tages fanden, es mache sie unrein, mit einem „Kufr“, einem „Ungläubigen“, ihr Essen zu teilen. Fortan aß er aus separaten Töpfen und Tellern, trank aus separaten Gläsern, und zwar in einem separaten Zimmer. Bis er kündigte.
Auch der Lehrer Yasin Masih stößt ab und an auf diesen Punkt. Als er noch Student war, neckten ihn eines Tages muslimische Kameraden: „Da kommt der Ungläubige!“ Der Christ Yasin, so sagten sie, glaube an drei Götter, nämlich Vater, Sohn und Heiligen Geist. Zum Spaß antwortete Masih: „Ihr seid viel schlimmer als ich, ihr glaubt an 99 Götter!“, eine Anspielung auf die 99 Namen, die die Moslems laut einem Hadith für Allah kennen. Die Neckerei mag über 20 Jahre her sein, aber Masih hat sie sich gemerkt. Er ist vorsichtig geworden: „Man kann solche Witze schon machen, aber man muss sehr genau wissen, wen man dabei vor sich hat.“
Solche Geschichten kennt jeder Christ in Pakistan. Sie stehen nicht in den Zeitungen, obwohl sie mehr aussagen über das tägliche Zusammenleben als die Schlagzeilen, von denen später noch die Rede sein wird. Das schwierige Verhältnis zwischen Christen und Moslems mag mit der schmerzhaften Entstehung Pakistans zusammenhängen: Als es sich 1947 von Indien abspaltete, wurden auf beiden Seiten Millionen Menschen vertrieben, Muslima nach Pakistan, Hindus nach Indien. Hunderttausende starben. Das Land verstand sich von Anfang an als „Islamische Republik Pakistan“. So steht es auch heute in jedem Pass, übrigens zusammen mit dem Satz: „Gültig für alle Länder außer Israel“. Abgrenzung ist seitdem ein Hauptmerkmal pakistanischer Identität.
Das gilt auch für die einheimischen Christen. In der über sieben Millionen Einwohner umfassenden Stadt Lahore leben 55000 Christen, die weitaus meisten von ihnen im christlichen Stadtteil Yuhannabad. Auf den ersten Blick sieht es hier aus wie in vielen Städten des Landes: Auf den staubigen Straßen ziehen x-beinige Esel Karren mit Früchten, überfüllte, bunte Busse jagen Straßenhunde von der Fahrbahn, am Straßenrand stehen Handyshops und Imbissläden. Auf den zweiten Blick aber fällt auf: Die Frauen sind weniger streng verschleiert, und es sind mehr von ihnen unterwegs, es gibt mehrere Kirchen, und ein Händler bietet Holzkreuze, Heiligenbilder und Bibeln feil. Fromme Moslems, erkennbar an ihren weißen, gehäkelten Kappen, sieht man hier kaum.
Christen und Muslime sind tief verunsichert. Was mit spektakulären Mordfällen und Gerichtsurteilen zu tun hat, die den etwa 2,8 Millionen pakistanischen Christen zeigen: Ihr seid wenige. Seht euch vor. Beide Seiten beschränken den Kontakt zueinander auf das Maß, das für beide Seiten ungefährlich ist, nämlich auf das Minimum. Devise: Je weniger Christen und Moslems zusammen leben, desto besser funktioniert das Zusammenleben.
Selim und Naima verstoßen dagegen, andauernd und absichtlich. Sie sind in einem kleinen Dorf aufgewachsen, etwa drei Stunden Autofahrt von Lahore entfernt. Nur eine Straße trennte die Häuser, in denen sie wohnten. Und die Religion, in der sie aufwuchsen: Selim als Christ, Naima als Muslima.
Sie sind verheiratet, und sie sind auf der Flucht. Niemand darf wissen, wo sie wohnen, Naima traut sich außer zum Gottesdienst tagsüber kaum mehr auf die Straße. Zum Gespräch kommen sie nachts in eine Schule, sie schließen die Tür zum Zimmer des Direktors hinter sich, denn nebenan sitzen ein paar muslimische Jugendliche, die nichts wissen dürfen. Das Gespräch findet im Schein eines Handys statt, weil der Strom ausgefallen ist. Auf Naimas Schoß sitzt Tochter Pretsh, acht Monate alt.
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Als sie sich kennenlernen, ist er 15, sie 13. Da schlägt die Liebe ein. Sie schreiben sich keine Liebesbriefe, denn Selim kann kaum lesen und schreiben. Sie reden nicht viel, zunächst. Aber sie können sich vom Eingang ihrer Häuser aus ansehen. Sie besuchen einander heimlich. „Wir haben nur gesprochen“, sagt Selim, „ich habe ihr versprochen, dass ich ihr nichts tun werde“. Was ihm an ihr gefallen habe? „Alles“, sagt er. Und damit, findet er, ist alles gesagt. Und umgekehrt? „Alles“, sagt sie, und auch für sie scheint damit alles gesagt zu sein, doch nach einer Pause fügt sie an: „Liebe ist blind, für alles, sogar für Schönheit.“ Sieben Jahre lang sind sie heimlich befreundet, dann geht er nach Lahore. Bald darauf reißt sie aus und sucht ihn.
Sie bestechen einen Richter, damit er ihnen eine „marriage licence“ (Heiratserlaubnis) ausstelle. Sie ist 18, er 20 Jahre alt. Um das nötige Geld aufzubringen, müssen Selims Eltern Land verkaufen. Am Tag der Hochzeit erfahren die beiden, dass seine Schwester verhaftet worden ist.
Naimas Eltern waren zur Polizei gegangen und hatten die Entführung ihrer Tochter gemeldet. Die Polizei verhaftet daraufhin Selims Schwester: Naimas Eltern wurde ihre Tochter weggenommen, im Gegenzug verlieren Selims Eltern ebenfalls eine Tochter, das ist die Logik. Denn in Pakistan gehört man sich nie ganz selbst, man ist immer Teil seiner Familie, seines Clans. Und seiner Religion.
Scheinbar ungerührt erzählen die beiden ihre Geschichte, ohne Mienenspiel, auf karge Art, ohne Adjektive, aber an dieser Stelle hält Naima inne und sagt sehr leise: „Da überlegten wir uns, wie wir uns am besten vergiften.“
Sie tun es nicht. Stattdessen erscheint Naima vor Gericht und sagt aus, dass sie aus eigenen Stücken zu Selim gegangen sei – dessen Schwester wird daraufhin freigelassen. Naimas Vater sagt: „Sie ist nicht mehr meine Tochter.“ Auch Selims Eltern sagen sich offiziell von ihm los, aber auf Druck der Dorfbewohner. Sie bleiben weiter in Kontakt, selbst, als sich Naima taufen lässt.
Und jetzt? Bringt Selim seine kleine Familie als Maler über die Runden. Eigentlich wollen sie auswandern, aber sie wissen nicht wie und wohin. Sie machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Tochter. „Was passiert ist, ist passiert“, sagt Naima und wirft Selim einen stillen, lieben Blick zu, bevor ein Freund sie mit dem Auto in der Dunkelheit nach Hause bringt.
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Wie schnell man sich den Zorn mancher Moslems auf sich ziehen kann, hat Asia Bibi erfahren. Sie wurde im November 2010 wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt. Muslimische Frauen hatten die Christin beim Wasserholen aufgefordert, sich zu Mohammed zu bekennen, da sie sonst nicht gemeinsam Wasser trinken können. Asia Bibi habe daraufhin, so der Vorwurf, den Propheten beleidigt und behauptet, der Koran sei von Menschenhand geschrieben. Ihr Mann und die gemeinsamen fünf Kinder mussten daraufhin untertauchen. Sie leben in einem Hinterhaus, über dessen bröckelndem Putz der Schimmel gedeiht. Dick steht die Luft darin, die Mücken fühlen sich wohl. Ihre Nachbarn wissen nichts von ihrer Geschichte.
Asias Ehemann hofft, dass seine Frau freigelassen wird. Doch selbst wenn es so weit kommen sollte, wird es für sie keine Zukunft in Pakistan geben. Sie müssen sofort ausgeflogen werden. Denn selbst ein Freispruch würde nicht die Freiheit bedeuten, weil der sie nicht vor dem Terror der Extremisten schützen wird. Im Januar 2011 wurde Salman Taseer, Gouverneur der Provinz Punjab und Unterstützer von Asia Bibi, erschossen. Seinen Kampf gegen das Blasphemiegesetz gab sein Bodyguard und Mörder als Motiv an. Auf dem Weg zum Gericht jubelten seine Unterstützer und streuten Rosenblätter über ihn. Das Todesurteil ist noch nicht rechtskräftig. Und im März 2011 wurde Shahbaz Bhatti, pakistanischer Minister für religiöse Minderheiten und einziger Christ im Kabinett, erschossen, weil er sich für die Aufhebung des Blasphemieparagraphen eingesetzt hatte, der die Todesstrafe für Gotteslästerung vorsieht.
Aus der aufgeheizten Stimmung schließen Missionare in Pakistan: Konzentriert euch auf die Christen. Denn die Taufe von Muslimen steht unter Strafe. Vater Miguel Ruiz, Rektor des Don Bosco Technical Center, eines katholischen College für angehende Handwerker in Lahore, antwortet auf die Frage, ob sich schon einer seine muslimischen Schüler zum Christentum bekehren lassen wollte: „Gott sei Dank nicht.“
Eines morgens macht er sich auf den Weg zu einer der vielen Ziegeleien, wo Menschen in die Lohnsklaverei gerutscht sind, darunter viele Christen. Das geht meist so: Ein männliches Familienmitglied, fast immer der Vater oder älteste Sohn, zieht auf der Suche nach einem besseren Auskommen vom Land in die Stadt – angezogen von Berichten, wonach die Löhne dort höher und das Leben leichter sei. Er findet Arbeit in einer Ziegelei. Der Eigentümer sagt ihm, dass er mehr verdienen könne, wenn seine gesamte Familie mithelfe. Also kommt sie nach, und die Kinder müssen mithelfen, sobald sie zehn Jahre alt sind. Der Lohn aber ist so gering, dass die Familie für jede außerplanmäßige Ausgabe – Hochzeit, Beerdigung, medizinische Versorgung, Verdienstausfall bei Regen – beim Eigentümer Kredite aufnehmen muss. Die Falle schnappt zu, ganz langsam, Kredit für Kredit: Die Familie ist vollkommen abhängig.
Die Eheleute Liaqat und Jeejan hocken barfuß auf dem Lehmfeld. Sie kneten Lehmbatzen wie Brotteig, pressen ihn in rechteckige Formen, stürzen ihn und lassen ihn trocknen. Das alles unter praller Sonne, ab vier Uhr morgens, sechs Tage die Woche. Wenn es heißer als 50 Grad wird, arbeiten sie nachts. Für 2000 Ziegel gibt es 800 Rupies, das sind 6,60 Euro. Miguel Ruiz erzählt ein wenig von sich und fragt nach einer Weile, ob sie sich vorstellen können, dass ihr Sohn Saud am Don Bosco Technical Center ausgebildet wird. Die Eltern lassen ihre Ziegel liegen, laden Miguel in ihr kleines Haus und kochen Tee. Nach und nach äußern sie ihre Bedenken: Ob Saud nicht einsam sein wird? Ob er ab und an nach Hause wird zurückkehren dürfen? Ob sich die Familie seinen Arbeitsausfall wird leisten können?
Wenige Tage später kehrt Miguel mit einem Kleinbus zurück, um Saud, seine Eltern und eine weitere Familie abzuholen; sie sollen sich das Internat einmal ansehen. Dort angekommen, weicht ihnen Saud zunächst nicht von der Seite, aber in den Klassenzimmern, der Schlosserei und der Schreinerei bekommt er große Augen, bleibt hier und da stehen und staunt. Liaqats Hemd und Hose sind aus blitzblanker, weißer Baumwolle, Jeejans Kopftuch strahlt azurblau. Sie tauschen manchmal ein Lächeln aus, und später beim Tee sagt Mutter Jeejan: „Saud wird lernen, wie man die Bibel liest.“ Dann müssen sie wieder zurück, Ziegeln machen.
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Länderinfos
Pakistan ist eine islamische Republik mit 796 095 Quadratmetern Fläche und damit doppelt mehr als so groß wie Deutschland.
98 Prozent der Bevölkerung sind muslimisch, zwei Prozent sind Christen, vereinzelt gibt’s Buddhisten und Hindus.
Hauptstadt ist Islamabad.
Etwa ein Drittel der Menschen lebt unterhalb der Armutsgrenze, 55 Prozent sind Analphabeten.
Dialog zwischen Christen und Muslimen