Kämpfer für Indianer-Rechte
![]() |
Vor 30 Jahren wurde Pater Rudolf Lunkenbein in Brasilien ermordet. Zum Todestag am 15. Juli erinnern Gedenkveranstaltungen in Deutschland an seinen Einsatz für die Bororo-Indianer
Von Annette Kaiser
Die Mörder kamen morgens ums halb zehn. Rund 60 Großgrundbesitzer aus der Umgebung von Meruri im nordwestbrasilianischen Bundesstaat Mato Grosso sind aufgebracht, weil sie Land an die Ureinwohner abtreten sollen. Ihr Zorn richtet sich vor allem gegen einen Mann: Salesianerpater Rudolf Lunkenbein. Denn der 37-Jährige hatte sich für eine Landvermessung eingesetzt, um die Bororo-Indianer vor der Besetzung ihres Gebietes durch weiße Siedler zu schützen. Wenige Minuten später ist er tot – erschossen von Manoel Borges da Silva, dem Anführer der Hacienderos.
Am 15. Juli jährt sich die Ermordung von Pater Lunkenbein zum 30sten Mal. Grund genug, mit einer Reihe von Veranstaltungen an die Mission Pater Lunkenbeins zu erinnern, findet Pater Karl Oerder. Vom 7. bis 15. Juli organisiert der Beauftragte für missionarische Animation bei den Salesianern Don Boscos deshalb Vorträge, Predigten, Begegnungsabende und Ausstellungen in Pater Lunkenbeins Geburtsort Ebensfeld bei Bamberg sowie den Nachbarorten Döringstadt und Coburg. „Ich möchte die Erinnerung an Pater Lunkenbein wach halten,“ sagt Pater Oerder, der im Mai 2006 Lunkenbeins Wirkungsstätte Meruri im brasilianischen Urwald besucht und dort Zeitzeugen interviewt hat. Lunkenbein sei ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass die Salesianer fremden Kulturen gegenüber nicht nur Respekt und Wertschätzung entgegen bringen, sondern sich selbst unter Einsatz ihres Lebens für sie stark machen.
Worum ging es bei der Ermordung des Priesters? Der Bundesstaat Mato Grosso war seit Jahrhunderten das Siedlungsgebiet der Bororo-Indianer. Doch in den siebziger Jahren kauften Großgrundbesitzer ihr Land auf, um dort Sojabohnenplantagen zu errichten - tatkräftig unterstützt von der Militärregierung, die an der Lizenzvergabe verdiente. Pater Lunkenbein, der 1973 als Missionar nach Mato Grosso gekommen war, setzte sich deshalb für die Einrichtung von Schutzzonen und Entschädigungen für die Indianer ein. Zu diesem Zweck sollten die Reservate staatlich vermessen und von den weißen Siedlern geräumt werden. „Kein Wunder, dass Pater Lunkenbein damit den Zorn der Siedler auf sich zog. Denn er hat sich mit den Mächtigen des Landes angelegt,“ sagt Pater Oerder. Doch der ständige Druck, den der kämpferische Salesianer zusammen mit dem Indianermissionsrat CIMI auf die brasilianische Regierung ausübte, hat sich gelohnt: 1988 verabschiedete die brasilianische Bundesverfassung das Recht der Indios auf ihre traditionell besetzten Gebiete. Heute leben in Mato Grosso rund 3000 Bororos - etwa zehn Mal soviel wie zurzeit von Pater Lunkenbein. „Immerhin gibt es jetzt fünf Reservate mit einer Gesamtfläche von 140 245 Hektar sowie Schulen und die Don Bosco-Universität in Campo Grande mit einem eigenen Institut zur Erforschung der Kultur indigener Völker.“ Dort studieren zahlreiche Bororos, die von den Salesianern mit Stipendien gefördert werden. Doch immer noch sind die Reservate durch ehrgeizige Straßenbaupläne der brasilianischen Regierung gefährdet. Denn sie sollen mitten durch die Lebensräume der Indianer führen. Zudem werden in einigen Gebieten Ölvorkommen vermutet. „Zwar sind die Rechte der Bororos verfassungsmäßig garantiert. Aber in vielen Fällen bestehen diese Rechte nur auf dem Papier. In Wirklichkeit haben die Interessen von Plantagenbesitzern, Politikern und Industriellen mehr Gewicht,“ betont Pater Oerder. Darüber hinaus müsse mehr für die Bildung und Ausbildung der Indianer getan werden, damit sie neben Jagd und Fischzucht weitere Einkommensquellen erschließen können und einen gleichberechtigten Platz in der brasilianischen Gesellschaft bekommen. „Da gibt es noch viel zu tun.“