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Liberia: Wir müssen Tag und Nacht für die Jugendlichen da sein

Interview mit Bruder Lothar Wagner SDB

 

20.11.2017 - Bruder Lothar Wagner ist seit rund einem Jahr in Liberia. Der 43jährige Streetworker kümmert sich in dem westafrikanischen Land um Kinder und Jugendliche, die gesellschaftlich ausgegrenzt sind. So wie die obdachlosen "Friedhofskinder" von Monrovia. Die Jugendlichen müssen in Grabmälern übernachten, weil sie keinen anderen Schlafplatz haben. 

 

Hilfe für Straßenkinder in Liberia und Sierra Leone

 

Acht Jahre lang war Lothar Wagner Direktor von Don Bosco Fambul im benachbarten Sierra Leone. Auch dort setzte er sich für Straßenkinder, sexuell ausgebeutete Mädchen und Frauen sowie Jugendliche ein, die im Gefängnis sitzen.

 

Bürgerkrieg und Ebola haben Spuren hinterlassen

 

Liberia ist eines der ärmsten Länder der Welt. Ein langer Bürgerkrieg und die Ebola-Krise haben ihre Spuren hinterlassen. Die Salesianer sind seit 1979 in dem westafrikanischen Land aktiv.Bruder Lothar berichtet im Interview über die Situation der jungen Menschen und erklärt, was sie am dringensten brauchen.

Bruder Lothar Wagner SDB mit "Friedhofskindern". ©Don Bosco Mission Bonn

Wie geht es den Kindern und Jugendlichen in Monrovia?

Bruder Lothar Wagner: Die jungen Menschen leiden unter den Folgen eines jahrzehntelangen Rebellenkrieges und der Ebola-Katastrophe. Das Bildungssystem gilt als eines der schlechtesten weltweit. Polizei- und Justizwesen sind korrupt. Das Gesundheitssystem liegt am Boden. Nach einer neuen Studie sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung von akuter Hungersnot betroffen. Die Liste könnte ich fortführen.

 

Familien zerbrechen und Kinder leben auf der Straße

 

Letztendlich fatal aber ist, dass die Krise die Familien und damit auch die Kinder erreicht hat. Trotz harter Arbeit reicht der Tageslohn nicht aus, um die Familie zu ernähren. Frust und daraus resultierende Aggressionen kriegen die Kinder ab. Familien zerbrechen, Kinder landen reihenweise auf der Straße. In den letzten Monaten sind mir zahlreiche Kinder begegnet, die Drogen konsumieren, um ihrem Alltag zu entkommen. Das ist einfach erschreckend!

Was brauchen die Kinder und Jugendlichen am meisten?

Bruder Lothar Wagner: Die jungen Menschen brauchen Begegnungen mit Personen, die ihre Probleme ernst nehmen. Menschen, die ihnen helfen, konstruktiv mit Konflikten umzugehen und ihnen Zukunftsperspektiven aufzeigen. Die Jugendlichen brauchen Vorbilder und sie brauchen Aufmerksamkeit! Das bekommen sie aber meistens nicht und deshalb sinken sie immer weiter ab: In einen Teufelskreis von Drogensucht, Prostitution, Beschaffungskriminalität und letztendlich Krankheit und Verzweiflung.

Wie können die Salesianer den jungen Menschen helfen?

Bruder Lothar Wagner: Wir müssen jetzt für sie da sein. Einfach da sein, in den Brennpunkten. Oder um es mit Papst Franziskus zu sagen, da sein in den Peripherien. Es braucht eine nachhaltige Partnerschaft zwischen den Kindern und den Salesianern. Und das kann und darf nicht nur eine unverbindliche Absichtserklärung sein. So, wie wir es oft aus der Politik kennen.

 

Wir müssen Tag und Nacht für die Kinder und Jugendlichen da sein

 

Sondern es muss ganz konkret und unmissverständlich bedeuten, dass wir mit den Kindern durch dick und dünn gehen, Tag und Nacht: sie von den Straßen holen und zurück in ihre Familien bringen. Sie aus den Gefängnissen zurück in die Schulen bringen, sie aus der Drogensucht in eine sinnhafte Lebenslage bringen. Sie brauchen intakte Familien, gute Schulbildung und eine zukunftsfähige Berufsausbildung.



Der Zentralfriedhof in Monrovia. Hier suchen einige Kinder eine Schlafstätte als Schutzraum. ©Don Bosco Mission Bonn

Wie können wir euch am besten unterstützen?

Bruder Lothar Wagner: Die Kinder und auch die Salesianer an der Basis brauchen eine Lobby! Sie brauchen Menschen, die sie unterstützen! Jeder sollte sich dafür stark machen, dass Kinder in scheinbar aussichtslosen Lebenslagen, qualifizierte und motivierte Menschen zur Seite gestellt bekommen. 

 

Die Kinder in Liberia brauchen eine starke Lobby

 

Die Kinder brauchen einen Arzt, einen Lehrer, einen Erzieher, mehr noch sie brauchen auch einen Freund als Begleiter. Wir müssen diese Menschen gut ausbilden. Neben dem Personal brauchen wir auch Räume, in denen sich die Kinder entwickeln und entfalten können. Eine Schule, eine Ausbildungsstelle und aber auch einen Spielplatz. Und wir dürfen nicht vergessen, dass viele Kinder in akuter Gefahr auch eine Schlafstätte als Schutzraum brauchen.

Welche Momente oder Begegnungen geben dir Kraft?

Bruder Lothar Wagner: Es war bei strömenden Regen, als ich zum ersten Mal auf dem Zentralfriedhof in Monrovia unterwegs war. Dort entdeckte ich Kinder, die in Grabstätten leben, weil sie sonst kein Dach über dem Kopf haben. Auf einmal hatte ich einen längeren Blickkontakt zu einem Kind, das in einer Grabstätte zu mir herüber schaute. Nach einer Weile lächelte es mir zu. Ohne Worte. Eine kleine Geste als ein klares Zeichen. Eine Einladung, dass ich in seiner Lebenswelt willkommen bin.

 

Da sein für die vergessenen Kinder Liberias

 

Das fand ich einfach überwältigend. Es erlaubte mir, näher zu treten, einzutreten in seine Welt. Das hatte mich wirklich in meinem Lebensentschluss bestärkt, gerade für die vergessenen Kinder da zu sein. Und welche Botschaft wurde mir durch das Kind geschenkt, als ich in dem Kind, Ihn, Christus, selbst gesehen habe. Er ist mir durch das Kind selbst begegnet. Im Grab. Ein unbegreifliches Glücksgefühl. Ein Gnadengeschenk inmitten unvorstellbaren Leidens.

Ein Straßenkind sucht Zuflucht in einer Grabstätte auf dem Zentralfriedhof in Monrovia. ©Don Bosco Mission Bonn

Das Interview führte Kirsten Prestin

Infos zu Liberia

 

Im Oktober 2017 fanden in Liberia die ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen statt.Nach ersten Auszählungen war der Oppositionskandidat, der frühere Weltfußballer George Weah, Wahlsieger. Die amtierende Regierungspartei hält das Ergebnis für Wahlbetrug.

 

Seit 2006 war die Friedendnobelpreisträgerin Ellen Johnson Sirleaf Präsidentin des westafrikanischen Landes. Nach zwei Amtszeiten konnte sie sich nicht nochmal zur Wahl stellen. Liberia befindet sich nach einem 14 Jahre andauerndem Bürgerkrieg und der Ebola-Krise in einem desolaten Zustand.

 

 

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"Monrovia Times" Newsletter November 2017