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22.01.2016: „Gesellschaftlicher Wandel ist nur mit den Müttern möglich“

Joseph Ayamga (r.) zusammen mit Bruder Lothar Wagner SDB auf dem Don Bosco Forum 2016. ©www.mesli.de

Interview mit Joseph Ayamga

 

 

Joseph Ayamga ist Country-Direktor der Nichtregierungsorganisation SEND (Social Enterprise Development) in Sierra Leone. Ziel von SEND ist die Stärkung von Frauen und die Gleichstellung der Geschlechter. Ayamga machte an der Hertie School of Governance in Berlin seinen Master.

 

Als Kind lebte er auf der Straße, bis er schließlich in ein Don Bosco Haus gebracht wurde.Die Entscheidung nach Afrika zurückzugehen, fiel ihm leicht."Ich wollte mit jungen Menschen zusammenarbeiten, die das Gleiche durchgemacht haben, wie ich damals. Mir wurde geholfen und deshalb möchte ich das jetzt auch tun. Don Bosco hat mir ermöglicht meine Talente zu entfalten und das möchte ich jetzt auch anderen benachteiligten Kindern und Jugendlichen ermöglichen. Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch Talente hat, sie müssen nur entdeckt werden", so der 31-jährige Ghanaer.

 

In Sierra Leone arbeitete er zunächst zusammen mit Bruder Lothar Wagner, dem Direktor von Don Bosco Fambul. Gemeinsam mit dem gebürtigen Trierer kümmerten sie sich um Straßenkinder, Jugendliche in Gefängnissen und Mädchen, die Opfer sexueller Gewalt wurden. Als Direktor von SEND hat er ein Ziel: Frauen und Mädchen zu stärken. Und das geht seiner Meinung nach vor allem über den engen Kontakt zu den Familien. "Die Familie bildet die Säule der Gesellschaft und legt den Grundstein für Erziehung und damit auch für spätere Verhaltensmuster. Das dürfen wir nie vergessen! Vor allem die Mütter haben einen großen Einfluss auf ihre Kinder. Wenn wir also einen gesellschaftlichen Wandel wollen, dann dürfen wir die Familien und Mütter nicht ignorieren."

 

Unabhängigkeit von den Männern

 

Frauendiskriminierende Kulturen und Traditionen könnten nur abgeschafft werden, wenn die Mütter stärker einbezogen und gestärkt würden. "Die meisten Frauen haben kein Einkommen und sind deshalb auch abhängig von ihren Männern. Wir wollen den Frauen ermöglichen, auf eigenen Beinen zu stehen. SEND vergibt zum Beispiel Mikrokredite, mit denen sich Frauen eine eigene Existenz aufbauen können. Wichtig sei zudem auch ein besserer Zugang zu medizinischer Versorgung. Deswegen unterstützt SEND den Aufbau von besseren Gesundheitsstationen und deren Dienstleistungen.

 

Eine wichtige Rolle bei SEND spielt die Geschlechtererziehung und das Training von Frauen in Führungspositionen. Geschlechtererziehung ist aber nicht nur ein Thema für Frauen, sondern auch für Männer. "Wir wollen den Männern vermitteln, dass Frauen die gleichen Chancen haben müssen wie Männer. Sie sollen verstehen, dass Gleichberechtigung für unsere gesellschaftliche Entwicklung wichtig ist und dass Frauen Fähigkeiten haben, die Männer nicht besitzen."

 

Insgesamt 5.400 Frauen werden von SEND unterstützt, 29 Mitarbeiter sind für die Organisation tätig. Ayamga ist seit 2014 Landesdirektor bei SEND Sierra Leone.


Ältere Meldungen

08.04.2015: Bruder Lothar fordert ganzheitliche Hilfe für junge Menschen in Sierra Leone

Bruder Lothar SDB mit einem Ebolawaisen in Lungi, Sierra Leone. ©Don Bosco Bonn

Interview mit Bruder Lothar Wagner SDB

 

 

Am Weltgesundheitstag erinnert Bruder Lothar Wagner, katholischer Ordensmann der Salesianer Don Boscos, an die jungen Menschen in Sierra Leone, die unter dem Tod der Eltern, an ihrer eigenen Ebola-Erkrankung sowie an Stigmatisierung leiden. Viele der Kinder und Jugendlichen bedürfen ganzheitlicher Hilfen. Er bemängelt, dass es zu wenige psycho-therapeutische Hilfen gibt. Gesundheit sei nicht nur das Fehlen von Krankheit und Gebrechen, sondern schließe auch das soziale Wohlergehen ein. Daran mangele es aber derzeit stark in Sierra Leone und er fordert die UN auf, mehr entsprechende mittel- und langfristige Hilfen bereitzustellen. "Ich hoffe nicht, dass wir nach dem WHO-Versagen im medizinischen Bereich demnächst ein Versagen im psycho-therapeutischen Bereich haben. Das hätte fatale Folgen für den Wiederaufbau", so Bruder Lothar.

 

Am Weltgesundheitstag interessiert uns natürlich die momentane Lage in Sierra Leone. Gibt es nach wie vor Ebola-Neuinfektionen?

 

Wir haben zwei bis vier Neuinfektionen pro Tag. Das ist nun deutlich weniger als noch vor wenigen Monaten. Es gibt Hoffnung auf ein baldiges Ende, wobei wir Salesianer Don Boscos in Sierra Leone immer noch einem langen Weg bis zum Ende vor uns sehen. Wir rechnen mit Rückschlägen, auch wegen der Tatsache, dass noch über 20% der Neuerkrankten auf keiner Kontaktliste stehen, sondern aus heiterem Himmel auftauchen. Das ist nach einem Jahr Ebola-Pandemie erschreckend.

 

Wie stellt sich denn die derzeitige Gesundheitslage in Sierra Leone dar?

 

Die Weltgesundheitsorganisation sagt ja, dass Gesundheit nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen sei, sondern macht deutlich, dass es auch um das vollständige Wohlergehen gehe, also auch um das soziale Wohlergehen. Und da müssen wir feststellen, dass viele Kinder und Jugendliche den Tod der Eltern, die eigene Erkrankung oder die Stigmatisierung noch nicht überstanden haben. Und das darf nicht verwundern, wenn man hier vor Ort das große Leid miterlebt hat.

 

Was muss getan werden?

 

Wie im medizinischen Bereich Ärzte und Pfleger Krankheiten und deren Schwere diagnostizieren, brauchen wir im sozial-therapeutischen Bereich Psychologen, Therapeuten und Sozialarbeiter, die traumatisierten Kindern und Jugendlichen ganzheitliche Hilfen anbieten. Den Wiederaufbau in Sierra Leone sollen die jungen Menschen gestalten. Und die müssen wir erst wieder aufrichten. Und das findet meiner Meinung nach wenig statt. Viele junge Menschen sind mit ihrem Trauma auf sich alleine gestellt.

 

Dabei sind doch nun so viele Hilfsorganisationen vor Ort?

 

Das stimmt. Es fehlt aber an bedarfsgerechten Hilfen. Ich finde es erschreckend, wie viele Organisationen kurzfristige materielle Hilfen anbieten, anstatt mittel- und langfristiger psycho-therapeutischer Angebote. Das ist aber für die vollständige Gesundheit des Kindes enorm wichtig. Was nützt es einem schwersttraumatisiertem Kind, das über Appetitlosigkeit klagt, einen Sack Reis vor die Füße zu stellen? Es bedarf mehr psychologischer Hilfen für junge Menschen. Nach dem Versagen der WHO im medizinischen Bereich sehe ich ganz klar nun ein Versagen zuständiger UN-Behörden im psycho-sozialen Bereich. Auch hier sind die Vereinten Nationen halbherzig und die Hilfen äußerst beschämend, wobei ausreichende Mittel zur Verfügung stehen.

 

Was meinen Sie genau?

 

Viele Waisenkinder bedürfen einer Rehabilitationsmaßnahme und einer Traumaheilung. Der Fokus richtet sich aber sehr stark nur auf den medizinischen Bereich. Ist ein Kind von der Ebola-Erkrankung geheilt, dann gilt es als gesund. Es wird stark generalisiert, ohne zu wissen, dass viele Kinder alles andere als gesund sind. Die werden dann in ihre Großfamilien geschickt, die mit der Situation des Kindes total überfordert sind. Manche Kinder landen auf der Straße und erleben ein erneutes Trauma. Die Salesianer Don Boscos haben in ihrem Therapiezentrum derzeit 45 schwersttraumatisierte Kinder. Wir fordern mehr Plätze landesweit. Hier ist UNICEF als die zuständige UN-Behörde gefragt. Ich hoffe nicht, dass wir nach dem WHO-Versagen im medizinischen Bereich, demnächst ein Versagen im psycho-therapeutischen Bereich haben - mit fatalen Folgen für den Wiederaufbau.

 

 

Veröffentlicht von der Agenzia Info Salesiana (ANS). Das Originalinterview auf Italienisch

 

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